Raphaela Dell
Mit einer Kombination aus Psychologie, Organisationslehre und Methoden aus der Welt der Kultur und der Philosophie, befähigt sie Menschen ihr Potential voll zu nutzen.
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Warum ich mich nach 12 Jahren noch zertifizieren ließ
Ich arbeite seit vielen Jahren als freie Rednerin. Ich habe viele Reden geschrieben, viele Zeremonien gestaltet, viele Familien begleitet, viele Fehler gemacht, viel gelernt und mich Schritt für Schritt in diesen Beruf hineingearbeitet. Man könnte also sagen: Wenn jemand nach so langer Praxis noch einmal eine Zertifizierung macht, dann vielleicht vor allem aus Repräsentationsgründen. Damit man etwas Vorzeigbares hat. Ein Siegel. Ein Zeichen. Ein Gütesymbol. Genau das war für mich nicht der Grund.
Ich habe mich noch einmal zertifizieren lassen, weil ich wissen wollte, ob das, was ich über all die Jahre entwickelt habe, wirklich einem umfassenden professionellen Anspruch standhält. Ich wollte mich selbst an einem Curriculum messen, das diesen Beruf ernst nimmt - nicht als spätes Selbsterfüllungsprogramm, sondern als eine verantwortungsvolle Berufsausübung.
Und genau deshalb hat mich die Zertifizierung im WiFi/WKÖ-Kontext so überzeugt.
Auf der offiziellen Seite zur Zertifizierung „Freie:r Redner:in“ wird sehr klar, dass es dort nicht um ein loses Teilnahmezertifikat geht. Für die Erstzertifizierung brauchst du entweder eine entsprechende Ausbildung oder einschlägige Praxis; als Zugang wird dort unter anderem eine vergleichbare Ausbildung oder Erfahrung als Ritualredner:in im Umfang von mindestens 100 Stunden und mehrjährige Praxis genannt. Dazu kommt die Prüfung selbst.
Schon das zeigt mir: Hier wird nicht so getan, als könne man sich mal eben eine Berufsrolle anziehen und loslegen.
Was für mich aber fast noch wichtiger ist: Dieses Zertifikat gilt nicht einfach unbegrenzt. Die Zertifizierungsstelle beschreibt ausdrücklich eine Rezertifizierung nach drei Jahren. Wer das Gütesiegel weiterführen will, muss wieder einen Antrag stellen, einschlägige Berufspraxis nachweisen und eine einschlägige Weiterbildung besucht haben. Für mich ist genau das der eigentliche Qualitätskern. Denn ein Gütesiegel ist nur dann glaubwürdig, wenn es nicht bloß Vergangenheit bestätigt, sondern Gegenwart fordert. Ich finde diese Logik richtig.
Denn freie Rede ist ein Beruf, in dem du dich nicht auf einmal erworbenem Können ausruhen solltest. Du arbeitest mit Menschen, mit sich wandelnden Erwartungen, mit Sprache, mit Kultur, mit Wirkung, mit gesellschaftlichen Verschiebungen und mit einem Markt, der sich verändert. Wer in diesem Feld gut bleiben will, muss lesen, zuhören, beobachten, nachkalibrieren, sich inspirieren lassen, Neues aufnehmen und auch die eigenen Denkfehler immer wieder überprüfen.
Das ist es übrigens auch, was mich am Markt im Moment am meisten stört. Nicht, dass es viele Angebote gibt. Nicht, dass viele Menschen Lust auf diesen Beruf haben. Sondern dass man ihnen manchmal Dinge verspricht, die in dieser Form einfach nicht stimmen. Es wird suggeriert, man mache eine Ausbildung, bekomme ein Zertifikat und sei dann im Grunde bereit, als sei der schwierigste Teil damit schon erledigt. Ich halte das für irreführend.
Denn wenn die Ausbildung vorbei ist, fängt die Arbeit erst an.
Dann beginnt das eigentliche Umsetzen. Dann stellt sich die Frage, ob du Gespräche wirklich führen kannst, ob du mit Unsicherheit umgehen kannst, ob du Wirkung erzeugst, ob du deinen Stil findest, ob du wirtschaftlich arbeitest, ob du dich sichtbar machen kannst und ob du in der Lage bist, aus all dem, was du gelernt hast, wirklich Praxis werden zu lassen.
Deshalb denke ich Ausbildung nie isoliert. Für mich gehören Ausbildung, Wirkung, Werkzeuge, Sichtbarkeit und Handlungsfähigkeit zusammen. Ich will Menschen nicht nur etwas beibringen, ich will, dass sie nach der Ausbildung schneller arbeitsfähig werden. Gerade weil viele freie Rednerinnen und Trauerrednerinnen nicht mit Anfang zwanzig anfangen, sondern später in diesen Beruf einsteigen, ist das entscheidend. Wer mit über dreißig, über vierzig oder später noch einmal neu losgeht, braucht keine romantische Vernebelung, sondern eine gute Grundlage und einen Weg, der wirklich trägt.
Die Heldenschmiede Rednerschule positioniert sich deshalb auch nicht als lockere Eventidee, sondern als modulare Ausbildung mit Praxis, Abschlussformat und WiFi/WKÖ-Gütesiegel-Perspektive. Auf der Website ist die Schule ausdrücklich als offizieller Zertifizierungspartner der WiFi/WKÖ Wien beschrieben, entsprechend umfassend ist auch das Curriculum angelegt.
In Deutschland gibt es ebenfalls IHK-Lehrgänge für freie Redner:innen. Auf der offiziellen Seite der IHK Köln wird der Lehrgang „Freie/r Redner/in (IHK)“ als Zertifikatslehrgang beschrieben, organisiert in Kooperation mit einem Bildungspartner; hervorgehoben werden Lehrgangsinhalte und die Zertifikatsprüfung. Eine verpflichtende turnusmäßige Rezertifizierung wie beim WiFi/WKÖ-Modell ist dort auf dieser Seite allerdings nicht ausgewiesen.
Ich sage das bewusst differenziert, weil ich nicht für jede IHK und jeden Anbieter sprechen kann. Aber für mich ist genau dieser Punkt entscheidend: Ein einmaliger Abschluss ist gut. Ein System, das dich zur Aktualisierung verpflichtet, ist besser.
Ich habe meine Prüfung übrigens nicht gemacht, weil ich noch einmal „nachschulen“ musste. Ich habe sie aus der Praxis heraus gemacht, mit zwölf Jahren Berufsleben im Rücken. Und trotzdem war diese Prüfung alles andere als ein Spaziergang. Sie war freundlich gestaltet, ja. Zugewandt, professionell und fair. Aber sie war nicht banal. Und genau das fand ich richtig. Weil sie den Beruf ernst genommen hat.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieses ganzen Themas: Ein gutes Gütesiegel erinnert dich daran, wach zu bleiben.
Es sagt nicht: Du bist jetzt fertig.
Es sagt eher: Gut. Dann bleib in Bewegung.
Und genau das halte ich für eine gesunde Haltung in einem Beruf, der so nah am Menschen arbeitet. Wer freie Rednerin oder freier Redner sein will, braucht nicht nur Herz und Sprachgefühl. Er oder sie braucht auch den Willen, sich zu entwickeln, sich prüfen zu lassen und nicht auf dem Stand von gestern stehenzubleiben.
Ich habe mich deshalb zertifizieren lassen, weil ich diesen Beruf liebe. Und weil ich finde, dass Liebe zu einem Handwerk sich nicht darin zeigt, dass man sich für fertig erklärt. Sondern darin, dass man bereit bleibt, besser zu werden.

