Raphaela Dell
Mit einer Kombination aus Psychologie, Organisationslehre und Methoden aus der Welt der Kultur und der Philosophie, befähigt sie Menschen ihr Potential voll zu nutzen.
Mit einer Kombination aus Psychologie, Organisationslehre und Methoden aus der Welt der Kultur und der Philosophie, befähigt sie Menschen ihr Potential voll zu nutzen.
Interesse geweckt?
Schreib uns eine E-Mail, ruf uns an oder nutze einfach unser Kontaktformular.
Wirkung ist planbar: Warum die Darreichungsform einer Rede entscheidend ist
Viele Rednerinnen unterschätzen, wie sehr Pausen, Tempo und Präsenz über die Wirkung einer Rede entscheiden. Wenn mir jemand sagt, sie wünsche sich, dass die Menschen ihr einmal bis zum Schluss aufmerksam zuhören, dann denke ich nicht als Erstes an den Text. Ich frage mich vielmehr, was zwischen Rednerin und Publikum passiert. Ist da Kontakt? Ist da Führung? Ist da eine Beziehung, in der die Worte überhaupt landen können? Oder wird ein Text einfach nur vorgelesen, ohne zu prüfen, ob er im Raum wirklich ankommt?
Denn genau darin liegt der Unterschied.
Eine gute Rede wirkt nicht nur durch das, was gesagt wird. Sie wirkt auch durch die Art, wie sie rübergebracht wird. Und diese Darreichungsform ist kein Nebenschauplatz, sondern ein wesentlicher Teil des Handwerks. Sie beginnt lange vor dem ersten Satz und reicht weit über das reine Vorlesen eines Textes hinaus. Sie zeigt sich darin, wie eine Rednerin einen Raum betritt, wie sie sich hinstellt, wie sie atmet, wie sie schaut, wie sie wartet, wie sie Übergänge setzt und wie sie sich selbst und dem Publikum erlaubt, in die Situation wirklich hineinzukommen.
Genau das ist etwas, das Menschen mit Bühnenerfahrung oft viel selbstverständlicher tun als engagierte Laien. Nicht, weil sie künstlicher wären, sondern weil sie gelernt haben, dass Wirkung nicht durch Hast entsteht. Eine Pause ist für eine unerfahrene Rednerin oft ein Abgrund. Für jemanden mit Erfahrung ist sie ein Werkzeug. Ein stiller Moment, in dem sich etwas setzen darf, in dem Menschen ankommen, hören, spüren und sich innerlich sammeln können.
Viele freie Rednerinnen, die es gut meinen, beginnen zu früh. Sie stehen vorne, sind innerlich noch nicht ganz da, der Raum ist noch nicht gesammelt, die Musik ist gerade verklungen oder die letzten Blicke sind noch unruhig, und trotzdem fangen sie an, weil sie glauben, man müsse sofort liefern. Dabei trägt genau diese erste Unruhe sich dann oft durch die gesamte Rede. Wer nervös beginnt, bleibt meist auch später eher im eigenen Tunnel, statt in einen wirklichen Kontakt mit den Menschen zu kommen.
Ich glaube deshalb, dass eine Rednerin erst anfangen sollte, wenn sie wirklich bereit ist. Und das Schöne ist: Diese Zeit darf man sich nehmen. Die meisten wissen das nur nicht. Sie haben das Gefühl, sie müssten sofort loslegen, sofort sprechen, sofort etwas tun. Dabei beginnt Wirkung manchmal genau da, wo jemand erst einmal einfach da ist.
Für mich gehört zur Darreichungsform deshalb viel mehr als der eigentliche Text. Es geht um die Frage, wie ich meine Rede plane, wie ich die einzelnen Abschnitte aufbaue, welche Musik ich auswähle, wo ich Übergänge setze und wie ich diese Übergänge moderiere. Es geht darum, was ich tue, wenn ich hinten sitze und warte, bis ein Musikstück zu Ende ist. Es geht darum, wie ich wieder erscheine, wie ich nach einer Zäsur den Raum neu aufnehme, wie ich Blicke halte und wie ich selbst in einer guten Konzentration bleibe, auch wenn im Raum etwas Unvorhergesehenes geschieht.
All das ist gesetzt. Und genau das ist das Handwerkliche daran.
Wer das nicht gelernt hat, unterschätzt oft, wie viel er oder sie in diesen Momenten tatsächlich in der Hand hätte. Vom Einzug in die Kapelle bis zum letzten Schritt am Grab ist die Rednerin in gewisser Weise die Hauptfigur des Geschehens. Nicht, weil es um sie ginge, sondern weil sie diejenige ist, an der sich alle orientieren. Sie gibt Ton, Tempo, Spannung, Ruhe und Richtung vor. Sie hält nicht nur den Text, sondern die ganze Form.
Vielleicht klingt das für manche im ersten Moment groß. Ich finde aber, es ist einfach eine realistische Beschreibung dessen, was in einer freien Zeremonie geschieht. Wer dort vorne steht, gestaltet mehr als Worte. Er oder sie gestaltet Aufmerksamkeit, Atem, Übergänge, Präsenz und Resonanz.
Mein Vater hat einmal einen Satz gesagt, den ich bis heute liebe:
Kunst kommt von Können, nicht von Wollen, sonst würde es Wunst heißen.
Ich finde, dieser Satz passt auch hier. Gute Absichten sind wunderbar. Aber sie ersetzen kein Handwerk. Und genau darum geht es in der Ausbildung: nicht darum, Menschen ihre Herzlichkeit auszutreiben, sondern ihnen Mittel an die Hand zu geben, mit denen sie diese Herzlichkeit wirklich tragfähig machen können.
Eine gute Rede ist deshalb nicht einfach ein schöner Text. Sie ist ein sprachlich, körperlich und atmosphärisch gestalteter Moment. Und genau deshalb ist Wirkung planbar.

