Raphaela Dell
Mit einer Kombination aus Psychologie, Organisationslehre und Methoden aus der Welt der Kultur und der Philosophie, befähigt sie Menschen ihr Potential voll zu nutzen.
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Wirkung ist planbar: Warum die Rolle der Rednerin so wichtig ist
Wenn ich in Workshops über die Rolle der freien Rednerin spreche, merke ich oft, wie missverständlich dieses Wort für viele Menschen ist. Rolle klingt für sie nach Theater, nach Verstellung, nach einer aufgesetzten Figur. Nach etwas, das nicht echt ist. Ich verstehe, warum dieser Verdacht sofort im Raum steht. Und gleichzeitig ist er völlig unzureichend für das, was ich meine.
Denn die Rolle, von der ich spreche, hat mit Unechtheit nichts zu tun. Im Gegenteil. Sie hat mit Bewusstheit zu tun.
Ich meine damit einen Zustand, in den ich hineingehe, wenn ich als Rednerin arbeite. Eine Haltung, die ich bewusst einnehme. Eine innere und äußere Form, die mir hilft, in diesen besonderen Situationen gesammelt, ruhig und klar zu sein. Nicht, weil ich etwas spiele, das ich nicht bin, sondern weil ich sehr genau weiß, dass ich in diesem Beruf nicht einfach so auftauche wie im privaten Alltag.
Natürlich bin ich nicht dieselbe, wenn ich mit meinem Mann am Küchentisch sitze, mit Kindern spiele oder mit einer Freundin telefoniere, wie in dem Moment, in dem ich Angehörigen begegne oder an einem Grab stehe. Ich bleibe ich selbst, aber ich stelle andere Aspekte von mir nach vorn. Mehr Ruhe. Mehr Präsenz. Mehr Aufmerksamkeit. Mehr Führung. Mehr Bereitschaft, einen Raum zu halten, ohne ihn mit mir selbst zu füllen.
Vielleicht ist genau das der Punkt, der oft unterschätzt wird: Wirkung beginnt nicht erst mit dem gesprochenen Wort. Sie beginnt viel früher. Beim ersten Telefonat, wenn eine Stimme zum ersten Mal Vertrauen schafft oder eben nicht. Beim ersten Klingeln an der Haustür, wenn sich in einem einzigen Augenblick entscheidet, ob da jemand steht, bei dem man sich aufgehoben fühlen kann. Und später noch einmal ganz deutlich, wenn man zur Zeremonie erscheint.
Diese Momente sind nicht nebensächlich. Sie sind Teil der Arbeit.
Deshalb glaube ich auch, dass Wirkung planbar ist. Nicht im Sinn von Manipulation, sondern im Sinn von Verantwortung. Wer Menschen in emotional wichtigen Stunden begleitet, sollte sich auf die eigene Wirkung nicht blind verlassen. Man sollte sich einstimmen. Man sollte wissen, was man ausstrahlen will und was man besser draußen lässt. Nervosität, Zerstreutheit, inneres Gehetztsein oder gedankliches Noch-anderswo-Sein haben in solchen Begegnungen nichts verloren. Nicht, weil wir perfekt sein müssten, sondern weil Menschen in solchen Situationen unsere Aufmerksamkeit zu Recht erwarten dürfen.
Für mich beginnt diese Einstimmung schon vor dem eigentlichen Kontakt. Auf der Fahrt zu einem Vorgespräch werde ich stiller und lasse anderes abfallen. Vor einer Zeremonie plane ich Zeit ein, damit ich nicht gehetzt auftauche, sondern innerlich schon da bin, bevor ich äußerlich da bin. Ich überprüfe Atem und Stimme, ich orientiere mich, ich komme in einen Zustand, der mir erlaubt, Wärme und Klarheit zugleich auszustrahlen. All das gehört für mich zur Rolle.
Und auch wenn das Wort vielleicht zunächst groß klingt: Genau darin liegt Professionalität. Nicht darin, möglichst spontan oder irgendwie „ganz man selbst“ zu sein, sondern darin, sich bewusst in die Aufgabe hineinzuversetzen, die man gleich übernimmt.
Wirkung ist deshalb für mich kein dekorativer Nebeneffekt. Sie ist Teil des Handwerks. Sie ist die Folge einer Haltung, die nicht zufällig entsteht, sondern vorbereitet wird. Gerade freie Rednerinnen und Trauerrednerinnen sollten das wissen, weil sie in Momenten auftreten, in denen Menschen besonders empfindlich dafür sind, ob jemand wirklich da ist, ob jemand Ruhe ausstrahlt, ob jemand Orientierung geben kann. Und vielleicht ist genau das die einfachste Formulierung dafür:
Die Rolle der Rednerin ist keine Maske. Sie ist eine bewusste Form von Präsenz.
Die ausführlichere Arbeit an diesem Thema und an vielen anderen Fragen rund um freie Rede, Haltung und Handwerk fließt auch in meine Ausbildung und in mein Buchprojekt ein.

