Raphaela Dell

Mit einer Kombination aus Psychologie, Organisationslehre und Methoden aus der Welt der Kultur und der Philosophie, befähigt sie Menschen ihr Potential voll zu nutzen.

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Warum es so schwer ist, das eigene Handwerk aufzuschreiben

Je länger ich an meinem Buch arbeite, desto deutlicher merke ich, dass nicht fehlendes Wissen das Problem ist, sondern eher das Gegenteil. Wenn man viele Jahre in einem Beruf gearbeitet hat, sammelt sich so viel Erfahrung an, dass fast alles wichtig erscheint. Ich kann zu sehr vielen Bereichen dieses Handwerks etwas sagen: zu Vorgesprächen, zu Haltung, zu Sprache, zu Stimme, zu Dramaturgie, zu Fehlern, zu Lernkurven, zu dem, was trägt, und zu dem, was grandios schiefgehen kann. Genau darin liegt aber die Schwierigkeit. Denn wenn so viel da ist, wird Priorisieren plötzlich zur eigentlichen Kunst.

Eigentlich klingt das erst einmal wie ein Luxusproblem. Man weiß viel, also schreibt man es auf. So einfach ist es nur leider nicht. Denn Wissen liegt nicht automatisch in einer Form vor, die für andere zugänglich ist. Vor allem dann nicht, wenn das eigene Denken anders funktioniert als die lineare Struktur eines Buches. Mein Kopf arbeitet nicht in sauberen Kapitelüberschriften. Er springt. Von einer Erinnerung zur nächsten, von einer Figur zu einer Erfahrung, von einer Einsicht zu einer Geschichte, die sich sofort in den Vordergrund drängt, obwohl sie an dieser Stelle vielleicht noch gar nichts zu suchen hat.

Und genau da fängt die eigentliche Arbeit an.

Denn ich schreibe dieses Buch ja nicht für mich. Ich schreibe es für Menschen, die in dieses Feld erst hineinfinden oder tiefer hineinwollen. Ich schreibe es für Leserinnen und Leser, die einen Einstieg brauchen, eine Führung, einen Rhythmus, eine Form, an der sie sich orientieren können. Gleichzeitig erzähle ich nicht nur Sachverhalte. Ich erzähle auch mit Figuren, mit ihren Gefühlswelten, mit ihren Bewegungen, mit ihren Fragen. Und ich selbst bin in diesem Buch ebenfalls nicht einfach nur Beobachterin von außen. Meine Erfahrung, meine Fehler, mein Scheitern, meine Lernkurven, meine Begeisterung und auch meine Zumutungen gehören mit hinein.

Im Grunde bewege ich mich also auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Ich muss das Handwerk sichtbar machen, ohne dozierend zu werden. Ich muss meine Figuren lebendig machen, ohne dass sie den Stoff überdecken. Und ich muss mich selbst darin verorten, ohne dass das Ganze narzisstisch kippt. Diese Ebenen wollen nicht einfach nur nebeneinander existieren, sie müssen miteinander etwas ergeben. Und das ist, freundlich gesagt, anspruchsvoll.

Es wäre natürlich einfacher gewesen, ein klassisches Sachbuch zu schreiben. Ich hätte mein Wissen sortieren, Kapitel bauen, ordentliche Überschriften setzen und vieles zügig herunterarbeiten können. Das hätte wahrscheinlich schnell eine erkennbare Form gehabt. Aber genau das wollen wir ja nicht. Oder vielleicht genauer: Genau das will dieses Projekt nicht von mir. Wir suchen gerade eine andere Form, eine, die diesem Beruf gerechter wird, weil sie nicht nur Wissen transportiert, sondern Erfahrung, Atmosphäre, Entwicklung, Konflikte und Reifung.

Das klingt schön. Es ist in der Praxis aber oft auch unerquicklich.

Denn wenn man sich auf eine Form einlässt, die es in dieser Gestalt noch gar nicht richtig gibt, dann gibt es eben keine fertige Landkarte. Dann weiß man nicht an jeder Stelle: Jetzt kommt der sichere Aufbau, jetzt der übliche Wendepunkt, jetzt die Stelle, an der alles wie ein gut gemachter Film funktioniert. Ich habe Cordelia neulich genau das gefragt, ob wir uns an solchen dramaturgischen Bögen orientieren können, an den Bewegungen eines Films, an klaren Plotpunkten, Wendungen, Zuspitzungen. Und ihre Antwort war im Kern: Ich weiß es nicht, wir erfinden gerade etwas Neues.

Das war einerseits wunderbar und andererseits natürlich auch die Zumutung.

Denn genau darin liegt ja die Herausforderung. Wir wissen sehr viel über das Thema, und trotzdem müssen wir uns auf einen Weg ins Unbekannte einlassen. Wir könnten über freie Rede sehr klar und deutlich schreiben, aber wir wollen etwas anderes versuchen. Wir wollen eine Form finden, die nicht nur erklärt, sondern erleben lässt. Und das heißt, dass ich aushalten muss, nicht sofort zu wissen, ob alles funktioniert.

Vielleicht ist das überhaupt die größte Herausforderung dieses Schreibprozesses: sich selbst im Unfertigen auszuhalten.

Ich glaube, viele Menschen unterschätzen, wie viel Hartnäckigkeit es braucht, ein Buch zu schreiben. Von außen sieht Schreiben oft nach Inspiration aus. Nach schönen Einfällen, nach Formulierungsfreude, nach der Lust, Gedanken in Worte zu bringen. Das gehört auch dazu. Aber mindestens genauso wichtig ist etwas viel Prosaischeres: dass man sitzenbleibt. Dass man dranbleibt. Dass man nicht sofort flüchtet, wenn ein Kapitel sperrig wird oder ein Gedanke sich nicht sauber in eine Form bringen lässt.

Für mich braucht das vor allem eines: Fokuszeit. Ich kann nicht mal eben eine halbe Stunde an diesem Buch schreiben und dann wieder in etwas anderes springen. Bei mir funktioniert es eher so, dass ich sehr früh anfange, möglichst direkt, wenn der Kopf noch frei ist und die Gedanken noch nicht von Mails, Terminen, Anforderungen und Alltagsgeräuschen eingesammelt wurden. Dann sitze ich mit einem Kaffee am Schreibtisch, oft noch in diesem etwas luftigen Zustand zwischen Schlaf und Tag, und komme dem Buch so am nächsten.

Diese Morgenstunden sind Gold wert.

Dann kann es passieren, dass plötzlich etwas aufgeht. Ein Zusammenhang, der vorher nicht greifbar war. Ein Tonfall, der stimmt. Eine Figur, die wieder anfängt, mit mir zu reden. Ein Gedanke, der nicht mehr nur lose im Raum steht, sondern plötzlich seinen Platz findet. Diese Momente sind beglückend. Nicht, weil dann alles leicht wäre, sondern weil sie zeigen, dass sich die Mühe lohnt.

Und trotzdem bleibt es ein Ringen.

Ich merke beim Schreiben immer wieder, dass sich bestimmte Geschichten vordrängen. Erinnerungen, Fehler, Erfahrungen, kleine Katastrophen, aus denen ich viel gelernt habe. Sie wollen erzählt werden, und zwar sofort. Nur passen sie oft an dieser Stelle noch gar nicht. Früher hätte mich das wahrscheinlich mehr aus dem Tritt gebracht. Inzwischen habe ich angefangen, mir innerlich eine Art Geschichtenkiste anzulegen. Dort landen diese Episoden erst einmal. Nicht, damit sie verschwinden, sondern damit sie auf ihren richtigen Moment warten können.                                                                                                                      Das hilft mir sehr, weil ich weiß: Nichts geht verloren. Aber nicht alles ist jetzt dran. Auch das ist für mich eine wichtige Erkenntnis aus diesem Prozess.

Schreiben heißt nicht nur, etwas zu sagen zu haben. Schreiben heißt auch, auf den richtigen Moment für etwas zu warten.

Vielleicht ist das überhaupt der Kern des Problems, wenn man das eigene Handwerk aufschreibt. Man weiß zu viel gleichzeitig. Man sieht Verbindungen, die andere noch gar nicht sehen können. Man hält vieles für selbstverständlich, weil es im eigenen Körper, in der eigenen Erfahrung und im eigenen Berufsalltag längst verankert ist. Aber genau deshalb muss man beim Schreiben hundert Schritte zurückgehen. Man muss sich hineinversetzen in Menschen, die am Anfang stehen. Man muss sich selbst zwingen, langsamer, klarer und kleinschrittiger zu werden, als der eigene Kopf es gern hätte. Und das ist manchmal nicht nur eine handwerkliche, sondern auch eine emotionale Aufgabe.

Ich lerne dabei gerade sehr viel über Geduld. Nicht nur mit dem Text, sondern auch mit mir selbst.

Und ich lerne, dass ein Buch nicht dadurch entsteht, dass man viel Material hat. Es entsteht auch nicht dadurch, dass man besonders viel weiß. Es entsteht dann, wenn dieses Wissen eine Form findet, die andere erreicht. Eine Form, die trägt, ohne zu langweilen. Eine Form, die komplex sein darf, ohne unverständlich zu werden. Eine Form, die den Leser oder die Leserin mitnimmt, statt nur zu beeindrucken.

Das ist mein Anspruch. Und auch mein Ringkampf

Ich merke beim Schreiben dieses Buches nämlich noch etwas, das mich selbst überrascht: Es ist oft leichter, die Biografie eines anderen Menschen zu sortieren und ihn in ein treffendes Licht zu setzen, als das eigene Erfahrungswissen so aufzuschreiben, dass es lebendig bleibt. Wenn ich für eine Rede arbeite, suche ich nach dem roten Faden eines Lebens, nach Bildern, nach Tönen, nach einer inneren Linie. Ich verdichte, ordne, schäle heraus. Beim eigenen Handwerk ist das schwieriger, weil so viele Fäden gleichzeitig in der Hand liegen und jeder einzelne ruft: Ich bin auch wichtig.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem aus Können langsam Bewusstsein wird.

Ich möchte dieses Buch nicht schreiben, um zu zeigen, was ich alles weiß. Ich möchte es schreiben, weil ich glaube, dass dieses Handwerk eine Form verdient, die ihm gerecht wird. Eine ehrliche, lebendige, nützliche Form. Und wenn das bedeutet, dass ich mich dafür durch unklare Passagen, offene Fragen, zähe Vormittage und diese gelegentlichen kleinen Matrix-Momente hindurcharbeiten muss, dann gehört das wohl dazu.

Auf diese Reise nehme ich euch mit, weil genau darin ja schon etwas von dem steckt, worum es auch in meinem Beruf geht: Wahrnehmen, sortieren, aushalten, verdichten und irgendwann eine Form finden, die trägt.

Und vielleicht ist das am Ende die schönste Beschreibung für diesen ganzen Prozess:

Aus Erfahrung wird nicht automatisch ein Buch. Erst die richtige Form macht sie für andere zugänglich.

 

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