Raphaela Dell
Mit einer Kombination aus Psychologie, Organisationslehre und Methoden aus der Welt der Kultur und der Philosophie, befähigt sie Menschen ihr Potential voll zu nutzen.
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Wessen Geschichte erzählen wir eigentlich in einer Trauerrede?
Bevor ich auf den konkreten Fall komme, lohnt sich ein Gedanke, der für freie Rednerinnen zentral ist und zugleich oft unterschätzt wird:
Wir bekommen im Vorgespräch keine objektive Wirklichkeit. Wir bekommen erzählte Wirklichkeit.
Menschen berichten nicht neutral. Sie erzählen aus ihrer Perspektive, mit ihrer Geschichte, aus ihrer Verletzung, ihrer Liebe, ihrer Loyalität, ihrer Machtposition oder ihrer Ohnmacht heraus. Der eine sieht eine Sechs, der andere eine Neun, und beide schauen auf denselben Punkt. Genau so ist es auch in Gesprächen über Verstorbene. Was wir hören, ist nie einfach „das Leben selbst“, sondern immer schon ein gedeutetes, gefiltertes, gerahmtes Leben. Für freie Rednerinnen ist das keine theoretische Nebensache, sondern Alltag. Wir sehen den Verstorbenen fast immer durch die Augen derer, die erzählen. Und je nachdem, wer spricht, wer schweigt, wer dominiert oder wer sich entzieht, erscheint derselbe Mensch in einem ganz anderen Licht.
Ich erinnere mich an ein Vorgespräch, das mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Es fand mit einem älteren Mann und seiner Tochter statt. Verstorben war seine Frau, ihre Mutter. Ich wurde sehr freundlich empfangen, durch die Wohnung geführt, bekam Kaffee angeboten, alles war höflich, zugewandt, fast herzlich. Und dennoch war schon nach kurzer Zeit etwas spürbar, das mich irritierte.
Immer wenn ich versuchte, die Tochter in das Gespräch einzubeziehen, reagierte sie freundlich, aber abweisend. Nicht kühl, nicht unhöflich, eher kontrolliert. Sinngemäß sagte sie immer wieder: Das soll mein Vater erzählen. Er weiß das. Er soll das bestimmen. Und der Vater erzählte.
Nur erzählte er sehr viel mehr über sich selbst als über seine verstorbene Frau. Über seine Karriere, seine Erfolge, seinen Weg, seine Bedeutung. Die Frau, um die es eigentlich gehen sollte, tauchte eher als Figur in seinem Leben auf als als eigene Persönlichkeit. Je länger das Gespräch dauerte, desto deutlicher wurde für mich, wie stark er in dieser Ehe offenbar immer den Ton angegeben hatte. Er war der große Bestimmer gewesen, so klang es. Wo gearbeitet wurde, wie gelebt wurde, wie Dinge zu laufen hatten. Die Tochter ließ in kleinen Andeutungen erkennen, dass es bei ihrer Mutter auch eine andere Seite gegeben haben musste: etwas Künstlerisches, Ästhetisches, etwas Zarteres und vielleicht nie wirklich Gelebtes. Aber mehr bekam ich nicht. Diese zweite Stimme stand mir nicht zur Verfügung. Und genau darin lag die Schwierigkeit.
Denn in solchen Situationen bekommen wir keine ausgewogene Lebensgeschichte. Wir bekommen ein Narrativ. Eine Perspektive. Und manchmal stammt diese Perspektive ausgerechnet von dem Menschen, der auch zu Lebzeiten die Deutungshoheit innehatte. Das heißt nicht automatisch, dass das Gesagte falsch wäre. Es heißt nur, dass es eben eine Version ist. Eine Version, die vielleicht über Jahrzehnte hinweg die lauteste war und deshalb auch im Vorgespräch wieder den Raum besetzt.
Für eine freie Rednerin ist das ein hochinteressanter und zugleich schmerzhafter Moment. Denn man spürt oft, dass da noch mehr gewesen sein muss. Man spürt Leerstellen. Man spürt an Fotos, an Blicken, an kleinen Halbsätzen, dass diese Frau vielleicht ein anderes Innenleben hatte, andere Wünsche, andere Anteile, vielleicht auch unerfüllte Möglichkeiten. Und gleichzeitig weiß man: Ich darf das nicht erfinden. Ich darf keine Gegengeschichte konstruieren. Ich darf nicht so tun, als wüsste ich es besser als die Familie. Was also tun?
Ich glaube, die erste Pflicht in solchen Momenten ist, diese Lage überhaupt klar zu sehen. Nicht vorschnell zu glauben, man hätte die Person „verstanden“, wenn man in Wahrheit vor allem die Sicht des lautesten Erzählers gehört hat.
Die zweite Pflicht ist Loyalität. Wer mich engagiert, gibt den Rahmen vor. Wenn Angehörige mir bestimmte Menschen nicht in die Rede hineinlassen, wenn sie andere Perspektiven nicht öffnen oder mir ausdrücklich signalisieren, dass etwas nicht gewünscht ist, dann kann ich beratend und mäßigend einwirken. Ich kann fragen, ob wir nicht doch noch einmal anders hinschauen wollen. Ich kann freundlich versuchen, eine zweite Stimme hereinzuholen. Aber ich kann mich nicht einfach über diesen Rahmen hinwegsetzen.
Genau darin liegt ja eine der großen Zumutungen dieses Berufs. Wir erzählen nicht im luftleeren Raum. Wir erzählen in Familien, in Loyalitäten, in alten Machtverhältnissen, in unausgesprochenen Konflikten, in Generationenmustern und Schweigezonen. Manchmal wird einem das erst im Vorgespräch so deutlich bewusst.
In dem geschilderten Fall blieb mir letztlich nur, innerhalb des vorhandenen Materials einen Weg zu finden, dieser Frau trotzdem so viel Würde und Sichtbarkeit wie möglich zu geben. Ich habe versucht, sie in der Rede über jene zarten, poetischen und vielleicht unerfüllten Seiten sichtbar zu machen, die ich zu ahnen glaubte. Nicht gegen den Mann. Nicht als Korrektur. Nicht als Aufstand in literarischer Form. Sondern als behutsame Verschiebung des Lichts. Als Versuch, diese Frau wenigstens in ihrer eigenen Abschiedsrede nicht noch einmal vollständig untergehen zu lassen. Das war heikel. Aber es fühlte sich richtig an.
Ich hatte später den Eindruck, dass die Tochter gespürt hat, was ich getan habe. Der Ehemann selbst nahm diesen leisen Schwerpunktwechsel gar nicht als Widerspruch wahr. Und vielleicht war genau das das Beste, was in diesem Moment möglich war: den vorgegebenen Rahmen nicht zu sprengen und trotzdem ein Stück Wahrheit, Wärme und Würde in ihn hineinzuschreiben.
Über solche Situationen wird im Rednerberuf viel zu selten gesprochen. Vielleicht, weil sie nicht in klare Regeln zu fassen sind. Vielleicht, weil sie genau dort anfangen, wo Handwerk, Ethik, Menschenkenntnis und Intuition sich berühren. Aber sie gehören zu den eigentlichen Grauzonen dieses Berufs.
Denn wir erzählen in Trauerreden eben nicht einfach nur Biografien. Wir erzählen immer Biografien, wie sie uns anvertraut werden. Mit Lücken. Mit Gewichtungen. Mit blinden Flecken. Mit Macht über das Narrativ.
Und vielleicht ist das die eigentliche Frage, die uns in solchen Gesprächen begleiten muss: Nicht nur, was ist passiert, sondern auch, wer darf erzählen, was passiert ist?
Freie Rednerinnen brauchen deshalb nicht nur Sprachgefühl und Empathie. Sie brauchen auch ein Bewusstsein dafür, dass sie im Vorgespräch fast nie „die Wahrheit“ erhalten, sondern immer eine erzählte und gedeutete Wirklichkeit. Dieses Wissen macht vorsichtiger, präziser und demütiger. Und vielleicht auch besser.
Denn manchmal besteht unsere Kunst genau darin, in einem sehr engen, von anderen gesetzten Rahmen trotzdem noch einen menschenwürdigen Blick auf die verstorbene Person zu eröffnen.
📢 Wenn dich diese Fragen interessieren und du mehr über die feinen Grauzonen freier Reden erfahren möchtest, dann besuch uns auf der LEBEN UND TOD am 10. und 11. April in Bremen, Halle 5, Stand 53. Dort sprechen wir gern mit dir über Ausbildung, Vorgespräche und die schwierigen, oft verschwiegenen Seiten dieses Berufs. Oder du nimmst einfach mit uns persönlich Kontakt auf.

