Raphaela Dell

Mit einer Kombination aus Psychologie, Organisationslehre und Methoden aus der Welt der Kultur und der Philosophie, befähigt sie Menschen ihr Potential voll zu nutzen.

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Warum aus meinem Praxisbuch plötzlich ein Ausbildungsroman wurde

Ich schreibe gerade mein erstes Buch.

Eigentlich dachte ich, ich wüsste ziemlich genau, was für ein Buch ich schreiben wollte. Es sollte ein Praxisbuch werden. Ein Buch über freie Rede, über Trauerreden, über das, was ich in all den Jahren gelernt, erprobt, erlebt und immer wieder neu verstanden habe. Ein Buch, in dem endlich einmal wirklich alles Platz bekommt, was ich für wesentlich halte: Haltung, Handwerk, Gesprächsführung, Sprache, Stimme, Menschenkenntnis, Selbstschutz, Dramaturgie und all die feinen Unterschiede, die diesen Beruf so anspruchsvoll und so schön machen. Also habe ich angefangen zu sammeln.

Ich habe Themen notiert, Erfahrungen festgehalten, Kapitelideen entwickelt, Aspekte zusammengetragen, die mir wichtig erschienen, und je länger ich das tat, desto deutlicher wurde mir: Das wird kein kleines, handliches Praxisbuch. Das wird ein Gebirge. Denn jedes Mal, wenn ich dachte, jetzt hätte ich das Wesentliche beisammen, fiel mir noch etwas ein, das ebenfalls hineingehört. Noch ein Gesichtspunkt. Noch ein Problemfeld. Noch eine Erfahrung. Noch eine Wahrheit über diesen Beruf, die nicht verloren gehen darf.

Ich stand irgendwann vor der ziemlich ernüchternden, aber auch interessanten Aufgabe, ein Buch schreiben zu wollen, das eigentlich alles in sich tragen sollte, was ich über freie Rede weiß und denke. Und genau an diesem Punkt kam durch eine Empfehlung Dr. Cordelia Eule in meine Welt.

Ich bin sehr froh darüber.

Cordelia ist für mich eine kluge und erfahrene Spurensucherin. Jemand, der nicht einfach nur ordnet, sondern mitdenkt, nachfragt, Richtungen sichtbar macht und die Geduld hat, mit einem gemeinsam herauszufinden, was ein Stoff eigentlich will. Unser erster Workshop zu diesem Buch war so inspirierend, dass ziemlich schnell klar wurde: Dieses Projekt darf keine brave, erwartbare Form bekommen.

Es gibt gute Praxisbücher über Trauerreden. Es gibt Bücher, die erklären, wie man schreibt, wie man eine Rede aufbaut, worauf man achten sollte. Und gleichzeitig gibt es immer noch diesen seltsamen Reflex, das Thema freie Rede und Trauerrede als Nische zu behandeln, die angeblich nur wenige interessiert. Ich halte das für einen Irrtum. Aber selbst wenn man das einmal beiseitelässt, blieb für mich eine andere Frage viel spannender: Warum sollte ich einfach noch ein weiteres ordentliches Sachbuch schreiben, wenn mein Stoff vielleicht nach etwas ganz anderem verlangt?

Irgendwann wurde klar, dass wir für dieses Buch eine Form finden müssen, die mehr kann als bloß Wissen transportieren. Es sollte nicht nur erklären. Es sollte erfahrbar machen. Es sollte Menschen hineinziehen in diese Welt. In die Schönheit dieses Berufes, aber auch in seine Zumutungen, seine Anforderungen, seine Widersprüche und seine Eigenarten. Und so kam es zu einer Entscheidung, die mich bis heute gleichermaßen begeistert und herausfordert: Wir haben für dieses Projekt im Grunde ein neues Genre erfunden. Einen Ausbildungsroman.

Schon das Wort macht mir Freude.

Und zugleich ahne ich jeden Tag ein bisschen mehr, was das bedeutet. Denn natürlich ist so etwas nicht fertig, nur weil man einen guten Einfall hatte. Im Gegenteil. Wenn man eine neue Form sucht, fangen die eigentlichen Schwierigkeiten oft erst an. Dann gibt es plötzlich keine bewährte Schablone mehr, an der man sich entlanghangeln könnte. Dann muss man ausprobieren, verwerfen, neu ansetzen, zweifeln, verfeinern, wegstreichen, wiederfinden.

Und dann kommen auch noch die Figuren dazu.

Wer selbst schon einmal geschrieben hat, kennt das vielleicht: Am Anfang denkt man noch, man habe alles halbwegs im Griff. Man weiß, wer da vorkommt, was diese Menschen ungefähr tun sollen, welche Funktion sie haben. Und irgendwann passiert etwas Merkwürdiges und zugleich Wunderbares. Die Figuren beginnen, ein Eigenleben zu entwickeln. Sie verhalten sich nicht mehr so brav, wie man es gern hätte. Sie wollen etwas. Sie haben ihre eigene Temperatur, ihre eigene Sprache, ihre eigene Hartnäckigkeit. Und plötzlich sitzt man da und verhandelt mit Menschen, die man selbst erfunden hat.

So geht es mir gerade.

Ich schreibe also nicht nur an einem Buch. Ich ringe mit Stimmen, Richtungen, Formen und Figuren. Und manchmal ist das beglückend, manchmal unerquicklich, manchmal komisch und manchmal einfach zäh. Es gibt diese Tage, an denen ich an einem einzigen Satz sehr lange sitze, weil ich spüre, dass er wichtig ist. Nicht, weil er besonders hübsch sein soll, sondern weil ich merke: Wenn dieser Satz nicht stimmt, kippt etwas in der ganzen Bewegung des Textes. Dann gibt es wieder Tage, an denen scheinbar gar nichts geht, an denen alles zu viel wird oder zu leer, zu unfertig oder zu unklar. Horror Vacui ist kein theoretischer Begriff, wenn man schreibt. Er sitzt manchmal mit am Tisch.

Und dann gibt es zum Glück diese anderen Momente.

Plötzlich spricht eine Figur wieder mit mir. Plötzlich ist der Ton wieder da. Plötzlich löst sich ein Knoten, und ich weiß wieder, warum ich mir das alles zumute. Diese Momente sind nicht planbar, aber sie sind herrlich. Sie erinnern mich daran, dass Schreiben eben nicht nur Fleißarbeit ist, sondern auch ein Prozess, in dem etwas auftauchen will, das man nicht vollständig kontrollieren kann.

Was dieses Buch am Ende leisten soll, ist mir dabei sehr klar. Es soll nicht einfach nur nett zu lesen sein. Es soll Menschen, die mit dem Gedanken spielen, freie Rednerin oder freier Redner zu werden, einen so ehrlichen, tiefen und lebendigen Einblick geben, dass sie danach wirklich besser prüfen können, ob das ihr Beruf sein könnte. Ich möchte kein Hochglanzbild liefern. Ich möchte auch keine bloße Anleitung liefern. Ich möchte etwas schaffen, das Lust macht und zugleich ernst nimmt, worauf man sich einlässt.

Wenn jemand am Ende der letzten Seite spürt, dass das Herz schneller schlägt und gleichzeitig die innere Klarheit gewachsen ist, dann wäre schon viel gewonnen. Dann hätte dieses Buch getan, was es tun soll.

Ich merke beim Schreiben übrigens noch etwas anderes, das mich selbst überrascht: Es ist in mancher Hinsicht schwerer, über das eigene Handwerk zu schreiben, als über andere Menschen zu schreiben. Eine Biografie zu sortieren und jemanden in ein gutes, treffendes Licht zu setzen, ist eine Aufgabe, die mir sehr vertraut ist. Das eigene Wissen, die eigenen Erfahrungen und all die unzähligen Facetten dieses Berufes so aufzuschreiben, dass sie lebendig bleiben und nicht in Aufzählungen erstarren, ist noch einmal eine andere Kunst.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich dieser Prozess im Moment so fordert. Und warum ich Cordelia so dankbar bin. Für ihre Geduld. Für ihre Neugier. Für ihre Klarheit. Und dafür, dass sie Lust hat, mit mir genau dieses ungewöhnliche Format auszuprobieren, statt mich in eine Form zurückzuschieben, die vielleicht einfacher, aber auch langweiliger wäre.

Ich werde in den nächsten Monaten immer wieder aus dieser Werkstatt berichten, weil ich es schön finde, diese Reise sichtbar zu machen. Dieses Buch entsteht gerade. Aus der Praxis heraus, aus Erfahrung, aus Ringkämpfen, aus Freude, aus Formsuche und aus dem Versuch, einem oft unterschätzten Handwerk gerecht zu werden.

Und wenn alles gut geht, bringe ich es auf der nächsten LEBEN UND TOD im Oktober in Freiburg in die Welt.

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